Pascal Marcel Dreier

2019
  1. Multispecies Archaeology

2018
  1. Yves Saint Laurent’s Opium and the Opium Wars in China
  2. Dreaming of CRISPR 
  3. Interspecies Cannibalism
  4. Chroma Politics
  5. Aquarium
  6. Affect and Interface
  7. Becoming (with) Monsters

2017
  1. Human/Being

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ABSTRACT
    Working at intersections of art, design, strategy and research—by crossing and dissolving boundaries between speculation and realities, research and practice, but most importantly between species. More information ︎

UPCOMING
    2019/07
Academy of Media Arts Cologne Annual Exhibition – Rundgang (10.-14.)


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PROJEKT 201804

CHROMA POLITICS
Die Farben und das Färben
– Unruhige Gedanken


Die Farben / Color Politics I: Lachsrosa (Essay, excerpt)



︎SalmoFan der Firma DSM, war als Objekt Teil der Lecture-Performance im Transmedialen Raum, Kunsthochschule für Medien Köln

        Lachsrot, Lachsrosa oder auch nur Lachs genannt, klingt diese Farbe so unschuldig, sanft und schön wie sie wohl für viele Menschen aussieht. Dabei hat sie performativen Charakter. Sie kann gelesen werden als "Spur eines unterdrückten Konflikts"1, an dessen Unterdrückung sie selbst beteiligt ist. Im Wasser schwimmend Silbern schimmernd, zeigt ein Lachs nur im toten, aufgeschnittenen Zustand eine rosa Farbe.
        Dieser Schnitt verbindet somit eine Farbe mit Gewalt, mit der Massentierhaltung und Industrie, sowie mit dem Konsum von Medikamenten und Mikroplastik, mit dem Klimawandel und der Übersäuerung der Meere.
       
        Aspekt II: Inspiriert wurde die Massentierhaltung in ihrer Färbepraxis vom ersten dokumentierten Färbeversuch bei nichtmenschlichen Tieren, entstanden aus der Not, den Flamingos im Zoo Basel die Farbe zu geben, die die Menschen von Bildern gewohnt sind. Denn im Zoo, fernab eines ordnungsgemäßen Umfeldes, konnten sie diese nicht entwickeln. Und ohne Farbe pflanzen sie sich nicht fort.
Damit das Fleisch von Zuchtlachsen einen attraktiven Rosaton aufweist, wird dem Futter der Fische – dem Fischmehl – der Farbstoff Astaxanthin (E 161j) beigemengt. Ohne diesen Zusatzstoff hätte das Fleisch eine graue Färbung und ließe sich schlechter verkaufen.2 Wildlachse nehmen Astaxanthin mit ihrer natürlichen Nahrung auf. Astaxanthin ist als Futtermittelzusatzstoff (E 161j) im Fischfutter bei der Erzeugung von Speisefischen zugelassen. Es wird nicht nur bei Lachs verwendet, sondern beispielsweise auch, um den eigentlich weißfleischigen Regenbogenforellen lachsrotes Fleisch anzufüttern. Diese werden dann als Lachsforelle vermarktet.
Ein weiteres Beispiel für den heutigen Einsatz in der Massentierhaltung ist das Färben von lebendigen Hühnern (für Fleisch- und Eigelbfarbe) mit den synthetisch hergestellten Farbstoffen E 161b, E 161h, E 160f (in der EU nicht mehr zugelassen) und E 161g.

ORNAMENT

        Die Praktik des Färbens wird, wie allgemein bekannt, exzessiv eingesetzt zum besseren Verkauf von Produkten. Ein Beispiel hierfür ist das verändern der Farbe von Lachs, da die Menschen mit einem kräftig-dunklen Lachsrot Qualität und hochwertigen Genuss verbinden. Auch verbreitet ist die Praktik, in Supermärkten günstigen Lachs mit hellem Fleisch neben einem teureren, dafür dunkleren Lachs zu platzieren. Damit kann, selbst wenn die Qualität vollkommen gleich ist, der teurere Lachs besser verkauft werden.
        Ein weiteres Beispiel ist “Surimi”: nicht vermarktbare Fischarten, wie zum Beispiel Magerfisch, oder auch Krill, werden von Haut, Gräten und Schalen befreit, zerkleinert, mehrmals gewaschen und dann, als nahezu geschmacksfreie Masse mit Hühnereiweiß, Stärke, Öl, Zucker und Geschmacksverstärker vermengt und je nach Verwendungszweck aromatisiert und gefärbt. Auch Wurstwaren werden bekanntlich eingefärbt, das gräuliche Leichengewebe wird zum Beispiel durch einen Rosaton attraktiver.
        Die einzige Funktion davon scheint die ökonomische zu sein. Könnten diese Praktiken also als Ornamente bezeichnet werden, die Zeichen unserer Unfähigkeit, Irrationalität, und Ohnmacht sind, sinnvoll-wertvolles herzustellen? Function follows Form – ausgelöst durch affirmatives Design auf der Meta-Ebene.


DAS FÄRBEN – EINE SPEKULATION

        Farben sind das Ergebnis von Färbeprozessen, die von menschlichen und nichtmenschlichen Akteur*innen mit Handlungsmacht durchgeführt werden. Gibt es ein Färben a priori? Beim Versuch, Kategorien des Färbens aufzustellen, kam ich auf zwei Weisen, die ich nun jeweils Prä-Färben und Post-Färben nenne, sowie unendlich viele Grade, die sich im Zwischenraum dieser Kategorien befinden.
Eine weiße Wand wird gemeinhin nicht als gefärbt verstanden, doch gab es eine Entscheidung, die dazu führte, dass die Wand nun weiß ist, und nicht etwa grau oder grün. Daher ist auch dies ein Prozess des Färbens, wenngleich nicht so offensichtlich wie ein Prozess des Färbens, der erlebt wird, der sich manifestiert in einer dezidierten Handlung des Färbens, wie zum Beispiel dem Vorgang des erlebten Streichens einer Wand.
        Wird ein Organismus über das Drucken von DNA bereits beim Zusammenfügen der Bausteine – vor seiner materiellen Existenz bzw. vor einem Selbstbewusstsein – gefärbt, ist dies ein Beispiel für den Prozess eines Prä-Färbens, geschieht dies über CRISPR/cas oder ähnliche Systeme während der Schwangerschaft oder nach der Geburt, liegt der Prozess bereits im Zwischenraum der beiden Kategorien. Färben bedeutet hier nicht nur das Färben von Haut, Augen oder Haarfarbe, auch andere veränderte Parameter können in den Begriff aufgenommen werden. Es stellt sich die Frage, wie weit der Begriff gefasst werden kann, ohne ihn verschwimmen zu lassen.
        Das Eloxieren von Aluminium, bei welchem die Oberflächeneigenschaft durch anodische Oxidation verändert wird, steht ganz im Gegensatz zum klassischen Bemalen einer Leinwand mit Ölfarben, aber auch und vor allem zum Anstrahlen einer solchen mit Licht, beispielsweise durch einen Beamer. Weitere, auf einer solchen Karte platzierbare Verfahren wären das Färben von Pflanzen durch Farbstoff im Wasser, oder aber durch direkten Farbauftrag, das Färben von Baumwolle nach der Ernte und Wäsche, das Färben von Lachs durch Färbemittel im Futter oder das Färben von Wurst mit Nitritpökelsalz am Ende des Prozesses.
       
Destruktives und non-destruktives Färben. Wird das Färben mittels CRISPR/Cas oder DNA-Printing zum non-destruktiven Färben?

        Das Beispiel “Bräune” durch Sonnenstrahlung. Was ist die Färbende Instanz? Gibt es eine solche überhaupt, oder nur ein Färbekollektiv? Es gibt die Sonne, das Objekt, die Strahlung, die von dieser ausgeht und auf die Körper trifft, den Färbeprozess in der Haut, die Melaninbildung, die von der UV-B-Strahlung ausgelöst wird. Ebenfalls gibt es die Rotfärbung oder Hyperpigmentierung der Haut, die nach einem Sonnenbrand auftritt.

prä-existent (imaginiert, vorbestimmt, konzeptuell existent)

    1. Schicht (Existenz)
    2. Schicht (Existenz, verarbeitet, geboren)
    3. Schicht (Existenz, im Verkauf)

post (verkauft, verschrottet, verstoffwechselt)




Auszug aus einer Lecture Performance und dem dazugehörigen Essay, Transmedialer Raum, im Sommersemester 2018. Gehalten und entwickelt im Rahmen des Seminars Unruhiges Forschen – Theorie und Praxis künstlerischen Forschens bei Dr. Thomas Hawranke.



Anmerkungen / Literatur
1 http://eipcp.net/transversal/0311/steyerl/de
2 Dunkleres Lachsfleisch wurde bei von DSM (Koninklijke DSM N.V.) durchgeführten Studie durchweg mit dem Begriff „Premium“ assoziiert. DSM geht davon aus und empfiehlt, dunkleres Lachsfleisch, zusammen mit hellerem Lachsfleisch in einem Regal für bis zu 1$ pro Pfund mehr zu verkaufen. https://www.dsm.com/markets/anh/en_US/products/products-solutions/products_solutions_tools/Prod ucts_solutions_tools_salmon.html
In einer weiteren Studie wird angemerkt, dass Lachsfleisch mit Farben heller als Nr. 23 des SalmonFan (Abb.1) schwer zu verkaufen ist, egal zu welchem Preis. Frode Alfnes, Atle G. Guttormsen, Gro Steine, Kari Kolstad; Consumers‘ Willingness to Pay for the Color of Salmon: A Choice Experiment with Real Economic Incentives, American Journal of Agricultural Economics, Volume 88, Issue 4, 1 November 2006, Pages 1050–1061, https://doi.org/10.1111/j.1467-8276.2006.00915.x