Chroma Politics
Die Farben und das Färben – Unruhige Gedanken (201802)

Die Farben / Color Politics I:
Lachsrosa (Essay, excerpt)


︎SalmoFan der Firma DSM, war als Objekt Teil der Lecture-Performance im Transmedialen Raum, Kunsthochschule für Medien Köln

        Lachsrot, Lachsrosa oder auch nur Lachs genannt, klingt diese Farbe so unschuldig, sanft und schön wie sie wohl für viele Menschen aussieht. Dabei hat sie performativen Charakter. Sie kann gelesen werden als "Spur eines unterdrückten Konflikts"1, an dessen Unterdrückung sie selbst beteiligt ist. Im Wasser schwimmend Silbern schimmernd, zeigt ein Lachs nur im toten, aufgeschnittenen Zustand eine rosa Farbe.
        Dieser Schnitt verbindet somit eine Farbe mit Gewalt, mit der Massentierhaltung und Industrie, sowie mit dem Konsum von Medikamenten und Mikroplastik, mit dem Klimawandel und der Übersäuerung der Meere.
       
        Aspekt II: Inspiriert wurde die Massentierhaltung in ihrer Färbepraxis vom ersten dokumentierten Färbeversuch bei nichtmenschlichen Tieren, entstanden aus der Not, den Flamingos im Zoo Basel die Farbe zu geben, die die Menschen von Bildern gewohnt sind. Denn im Zoo, fernab eines ordnungsgemäßen Umfeldes, konnten sie diese nicht entwickeln. Und ohne Farbe pflanzen sie sich nicht fort.
Damit das Fleisch von Zuchtlachsen einen attraktiven Rosaton aufweist, wird dem Futter der Fische – dem Fischmehl – der Farbstoff Astaxanthin (E 161j) beigemengt. Ohne diesen Zusatzstoff hätte das Fleisch eine graue Färbung und ließe sich schlechter verkaufen.2 Wildlachse nehmen Astaxanthin mit ihrer natürlichen Nahrung auf. Astaxanthin ist als Futtermittelzusatzstoff (E 161j) im Fischfutter bei der Erzeugung von Speisefischen zugelassen. Es wird nicht nur bei Lachs verwendet, sondern beispielsweise auch, um den eigentlich weißfleischigen Regenbogenforellen lachsrotes Fleisch anzufüttern. Diese werden dann als Lachsforelle vermarktet.
Ein weiteres Beispiel für den heutigen Einsatz in der Massentierhaltung ist das Färben von lebendigen Hühnern (für Fleisch- und Eigelbfarbe) mit den synthetisch hergestellten Farbstoffen E 161b, E 161h, E 160f (in der EU nicht mehr zugelassen) und E 161g.

ORNAMENTIK
        Die Praktik des Färbens wird, wie allgemein bekannt, exzessiv eingesetzt zum besseren Verkauf von Produkten. Ein Beispiel hierfür ist das verändern der Farbe von Lachs, da die Menschen mit einem kräftig-dunklen Lachsrot Qualität und hochwertigen Genuss verbinden. Auch verbreitet ist die Praktik, in Supermärkten günstigen Lachs mit hellem Fleisch neben einem teureren, dafür dunkleren Lachs zu platzieren. Damit kann, selbst wenn die Qualität vollkommen gleich ist, der teurere Lachs besser verkauft werden.
        Ein weiteres Beispiel ist “Surimi”: nicht vermarktbare Fischarten, wie zum Beispiel Magerfisch, oder auch Krill, werden von Haut, Gräten und Schalen befreit, zerkleinert, mehrmals gewaschen und dann, als nahezu geschmacksfreie Masse mit Hühnereiweiß, Stärke, Öl, Zucker und Geschmacksverstärker vermengt und je nach Verwendungszweck aromatisiert und gefärbt. Auch Wurstwaren werden bekanntlich eingefärbt, das gräuliche Leichengewebe wird zum Beispiel durch einen Rosaton attraktiver.
        Die einzige Funktion davon scheint die ökonomische zu sein. Könnten diese Praktiken also als Ornamente bezeichnet werden, die Zeichen unserer Unfähigkeit, Irrationalität, und Ohnmacht sind, sinnvoll-wertvolles herzustellen? Function follows Form – ausgelöst durch affirmatives Design auf der Meta-Ebene.



Auszug aus einer Lecture Performance und dem dazugehörigen Essay, Transmedialer Raum, im Sommersemester 2018. Gehalten und entwickelt im Rahmen des Seminars Unruhiges Forschen – Theorie und Praxis künstlerischen Forschens bei Dr. Thomas Hawranke.



Anmerkungen / Literatur
1 http://eipcp.net/transversal/0311/steyerl/de
2 Dunkleres Lachsfleisch wurde bei von DSM (Koninklijke DSM N.V.) durchgeführten Studie durchweg mit dem Begriff „Premium“ assoziiert. DSM geht davon aus und empfiehlt, dunkleres Lachsfleisch, zusammen mit hellerem Lachsfleisch in einem Regal für bis zu 1$ pro Pfund mehr zu verkaufen. https://www.dsm.com/markets/anh/en_US/products/products-solutions/products_solutions_tools/Prod ucts_solutions_tools_salmon.html
In einer weiteren Studie wird angemerkt, dass Lachsfleisch mit Farben heller als Nr. 23 des SalmonFan (Abb.1) schwer zu verkaufen ist, egal zu welchem Preis. Frode Alfnes, Atle G. Guttormsen, Gro Steine, Kari Kolstad; Consumers‘ Willingness to Pay for the Color of Salmon: A Choice Experiment with Real Economic Incentives, American Journal of Agricultural Economics, Volume 88, Issue 4, 1 November 2006, Pages 1050–1061, https://doi.org/10.1111/j.1467-8276.2006.00915.x